Woche 31-33

Silvester und ein heftiger Start ins Neue Jahr

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Ich war wohl immer noch zu aktiv. Ich dachte, ich würde genug liegen und genug Ruhe haben. Falsch gedacht. Am Mittwoch, 30.12. hatte ich auf einmal eine leichte Blutung. Ich habe mich sofort für den Rest vom Tag hingelegt und wirklich nichts mehr gemacht. Dieter hatte Urlaub und so war das auch kein Problem. Am 31.12. war dann zwar kein frisches Blut mehr zu sehen, aber beunruhigt war ich schon. Da mein Frauenarzt in Urlaub war, bin ich nach Groß-Umstadt in die Klinik gefahren zu meinem Hebammen. Dieter und Jule haben mich hingebracht. Aus einer gewissen Vorahnung heraus, hatte ich auch meine Kliniktasche schon gepackt und "mal mitgenommen". Ich habe sie gebraucht.....

Erst mal bekam ich ein CTG angelegt. Am 28.12. hatte ich die letzte Vorsorge, da waren 2 kleine Wehenhügelchen zu sehen gewesen bei Frauenarzt. Jetzt waren es einige mehr - aber wieder von der Sorte Wehen, die ich nicht spürte. Ich kenne das schon von der Schwangerschaft mit Jule. Da hatte ich auch seit der 32. Woche Wehen, die ich nicht gespürt habe. Damals lag ich dann 4 Wochen bis zu Jule's Geburt im Krankenhaus. Bei der Untersuchung durch den Klinikgynäkologen wurde dann klar, dass ich Silvester nicht zuhause verbringen sollte. Da das alles länger dauerte, habe ich Dieter und Jule erst einmal zum Einkaufen weggeschickt. Und ehe ich mich versehen hatte, bekam ich ein EKG gemacht, wurde an den wehenhemmenden Tropf gehängt, in ein Klinikbett verfrachtet und schon mal mit Mittagessen versehen. Schon der Tropf alleine war ein Zeichen dafür, dass ich wohl nicht mehr flüchten konnte. Ich war mächtig traurig, ich wollte nicht ohne Dieter und Jule sein. Und ich hatte Angst, wie Jule wohl reagiert, wenn sie mich in einem Bett in einem Krankenhaus liegen sieht. Das kannte sie ja doch gar nicht. Wider Erwarten war das für meine große Kleine kein Problem. Sie schmuste noch eine Weile mit mir mit Bett und dann sagte sie Tschüss und ging mit ihrem Papa heim. Und ich lag da. Immer wieder sagte ich mir, dass es nur zur kurzen Überwachung sei, und ich wohl morgen wieder zuhause wäre. Und das an unserem Jahrestag - eigentlich wollten wir 9 gemeinsame Jahre feiern. Pustekuchen. Ich gab mich dann erstmal gedanklich meinem Schicksal geschlagen. Gottseidank hatte ich eine nette Zimmernachbarin, die  mich aufheiterte. Die Nacht verlief ruhig - keine bemerkbaren Wehen. Und das Feuerwerk um Mitternacht war vom 10. Stock aus ganz toll zu beobachten.

Am nächsten Morgen waren weniger Wehen auf dem CTG zu sehen. Hoffnung keimte in mir auf, dass ich vielleicht am nächsten Tag zuhause sein würde. Aber dann wurde ich erstmal aufgeklärt, dass die Umstellung von Tropf auf Tabletten mindestens 2-3 Tage dauern würde. Aber da war ein Licht am Horizont. Jule verstand sich prima alleine mit Papa. Und bis Montag wäre ich ja wieder zuhause, um mich um Julchen zu kümmern. Dieter hätte auf keinen Fall mehr Urlaub bekommen.

Nach einem Stückchen Kuchen am Nachmittag bemerkte ich auf einmal ein heftiges Ziehen. Dreh Dich mal auf die Seite, war mein erster Gedanke. Kurze Besserung, dann wieder. Ein verheißungsvoller Blick auf die Uhr und dann war ich mir sicher: Das sind richtige Wehen. Alle 4 Minuten. Schön straffer Bauch und heftiges Ziehen. Die Schwester war ziemlich aufgeregt, als ich ihr klingelte und in 10 Minuten war die Hebamme da. Karola schloss mich an das CTG an und fiel aus allen Wolken. Nach der Menge der Leute zu schließen, die um mein Bett herumstanden, war das Alarmstufe ROT. Als erstes wurde die Dosis Partusiten (Wehenhemmer) am Tropf verdoppelt. Dann wurde mir über die Infusion eine Spritze gegeben: Lungenreifungsmittel für das Baby. Schließlich war ich gerade 31+0. Viel zu früh und zu gefährlich. Ich war mir schlagartig der Lage bewusst. Ich habe Dieter angerufen und ihn informiert, was los ist. Er würde weiter von der Hebamme informiert werden. Dann kam die schlechte Nachricht: Kein Bett frei in Darmstadt - ich musste in eine andere Klinik verlegt werden mit Neonatologie - Hochrisiko-Frühgeburten-Station. Nächste freie Klinik: Aschaffenburg (40 km weit weg in Bayern). Schwups hatte ich noch eine Spritze im Popo - Valium. Das hätte ich nicht gebraucht, ich war die ruhigste in diesem Haufen umherwuselnder Weisskittel. Da standen auch schon die Sanitäter, hievten mich auf eine rollende Trage, schoben mich in den Krankenwagen. Blaulicht und Martinshorn an - ab nach Aschaffenburg. Die zwei vom Rettungsdienst waren sehr lieb und lustig. Leider hat uns kein Ampelblitzer fotografiert beim Überfahren von roten Ampeln. Aber die Fahrt war weniger spektakulär wie man so denkt,

In Aschaffenburg in der Notaufnahme standen dann auch gleich 10 Leute um mich rum: Ach so, nur Wehen - und schwups, weg waren sie und ich wurde Richtung Kreissaal geschoben. Mittlerweile hatte ich wesentlich weniger spürbare Wehen, was der sofort angehängte CTG bestätigte. Ich wurde untersucht und der Papierkram erledigt und um 23.00 Uhr lag ich dann in meinem Zimmer. Gottseidank konnte ich Dieter vom Kreissaal aus noch anrufen - damit er nicht mehr auf heißen Kohlen sitzen musste. Die Nacht verbrachte ich ruhig und ich habe auch gut geschlafen.

Am nächsten Morgen wurde erst mal wieder ein CTG abgenommen - bei mir im Zimmer, denn ich durfte nicht aufstehen. Noch nicht mal fürs Toilettegehen - ich sage Euch, es kostet sehr viel Überwindung, im Liegen in eine Bettpfanne zu machen. Insgeheim traute ich mich gar nicht zu trinken, weil ich nicht auf das kalte metallene Ding wollte. Die Schwestern waren aber sehr nett und haben mir prima geholfen und mich aufgeheitert, dass das am Anfang immer so sei, mit der Zeit käme die Übung und die Gewöhnung. Ich bekam die zweite Spritze für die Lungenreifung.

Die Wehen waren dann ganz weg und der Tropf wurde von 40 ml auf 35 ml die Stunde heruntergestellt. Nachdem ich endlich Telefon hatte, kümmerte ich mich erstmal um die Versorgung von Jule. Gottseidank hatte sich meine Schwester zu Besuch angemeldet für Montag bis Mittwoch. Am Mittwoch, den 6.1. hat Jule nämlich Geburtstag!!!! 2 Jahre alt wird meine Große - ohne Mama. Soweit so gut, die ersten 3 Tage waren also überbrückt. Meine Freundinnen Ute und Karen waren auch sofort bereit, sich weiter um Jule zu kümmern. Jule ist unproblematisch. Wenn man ihre Regeln beim Mittagsschlaf einhält (Schlafsack, Decke, Schnuffeltier und Flasche mit Wasser) dann kann eigentlich nichts passieren (Anmerkung: Sie hat überall geschlafen, egal ob bei Karen, Ute, Tante Uschi, Petra.... Stand 14.1.99).

17.00 Uhr - die nächsten Wehen - und diesmal hammerhart. Ich will nicht wissen, wie heftig sie ohne den Wehentropf gewesen wären. Alle 3 Minuten, das CTG hat sich bald überschlagen. Ich habe nur noch versucht, die Wehen zu veratmen. Die Oberärztin kam und meinte, dass sie am Ende der Mittel wären und sie das Kind nicht mehr aufhalten könnte. Es war zwar noch ein bisschen Muttermund da, aber bei der Wehenstärke..... Dann wurden erst mal wieder Instruktionen gegeben,  wo mein Mann zu erreichen wäre, dass es eineinhalb Stunden dauert, bis er da wäre. Ich bekam dann noch ein homöopathisches Pulver. Leider habe ich in der Aufregung vergessen zu fragen, was es war. Ich war nur noch am Veratmen der Wehen. Zwischendrin versuchte ich mich an den Gedanken zu gewöhnen, dass die Geburt jetzt losging. Jule war ja auch so eine Schnelle, 4,5 Wochen zu früh und innerhalb von 2 Stunden war sie auf der Welt. Viel zu schnell damals für mich. Und wieder veratmen, denken, veratmen. Und dann geschah das "Wunder" für mich. Die Wehen ließen langsam nach. Stückchen für Stückchen.   Die Ärztin atmete auf und meinte, ich solle mich nicht zu früh freuen, es könnte noch mal losgehen. Tat es aber nicht. Wirklich, die Wehen verschwanden komplett. Tja, die Vollmondnacht war rum!!! Ich glaube fest an einen Zusammenhang damit. In den beiden Vollmondnächten hatte ich nämlich die Wehen. Der Tropf blieb noch die Nacht lang auf der höchsten Stufe.

Am nächsten Morgen waren kaum noch Wehenhügelchen auf dem CTG zu sehen. Und so ging es weiter. Immer weniger und weniger. Die Ärzte waren sehr zufrieden mit mir..... Immer weniger Wehenhemmerdosierung. Am Mittwoch wurde ich dann abends auf Tabletten umgestellt. Alle 3 Stunden eine, auch nachts. Die Umstellung funktionierte hervorragend. Es sind keine Wehen mehr aufgetreten. Freitag nacht durfte ich dann die beiden Tabletten um 24.00 und um 3.00 Uhr weglassen. Und am Samstag morgen hat mich meine Familie aus der Klinik abgeholt. Ich war so glücklich, die beiden wieder um mich rum zu haben. Jule's Lachen hat mir so gefehlt. Und Dieter natürlich auch.

Ich muss weiterhin fest liegen. Mein Muttermund ist fast komplett verstrichen. Und eigentlich darf ich gar nicht solange vor dem PC sitzen. Aber ich musste mir das jetzt mal von der Seele schreiben. Zumal auch viele darauf warten.

Was hier zuhause los ist und wie es weiter ging.... bald mehr davon.

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